Kürzlich erfuhr ich, dass bei zwei Bauernhöfen die Kinder sich entschieden haben, die Betriebe der Eltern nicht mehr zu übernehmen und andere Berufe ergreifen wollen. Dies wundert mich nicht. Hier eine fiktive Geschichte, warum immer mehr Höfe in Zukunft verschwinden werden. Sie kann gerne mit Ihren Leserkommentaren fortgesetzt werden:

Es war einmal ein Bauer und eine Bäuerin, die hatten drei Kinder, und sie arbeiteten viele Jahre zusammen auf ihrem Bauernhof. Als die Zeit gekommen war, den Betrieb an ihre Kinder zu übergeben, so teilten sie ihren Betrieb und vermachten ihrem Sohn die eine Hälfte der Äcker, Wiesen und seiner Tiere und der jüngsten Tochter die andere Hälfte. Die ältere Tochter aber wollte etwas anderes lernen. Sie erhielt statt einen Anteil am Betrieb Geld. 

Der älteste Sohn wurde Agrar-Ingenieur. Er lernte, wie er den technischen Fortschritt nutzen kann, um weniger Arbeit zu haben und mehr erzeugen zu können. Da er den Preis seiner Produkte aber kaum selbst beeinflussen konnte, produzierte er von Jahr zu Jahr immer mehr von seinem Getreide. Er musste auch immer mehr Schweine mästen und mehr Milch mit seinen Kühen erzeugen um sein Einkommen zu halten. Seine Berater nannten das „Betriebsentwicklung“.

Er war bedacht, dass er das geerbte Land sorgfältig bewirtschaftete um es irgendwann an eines seiner Kinder zu vererben. So hielt er sich an alle Regeln und Gesetze, die er als „konventioneller Landwirt“ einhalten musste. Da der Markt für Agrarprodukte sehr kompliziert war und für viele Produkte eigentlich nie richtig funktionierte, bekam er jedes Jahr Geld von einer Behörde um die Regeln auch einzuhalten. In guten Jahren legte er Geld zurück um seinen Betrieb weiter zu vergrößern. Schließlich stellte er auch zwei Arbeiter ein, damit nicht immer seine Kinder mitarbeiten mussten. Er wollte schließlich, dass es seiner Familie irgendwann besser ging als seinen Vorfahren.

Die jüngste Tochter aber verzichtete in ihrem Betrieb auf viele Dinge, die der technische Fortschritt der konventionellen Landwirtschaft gebracht hatte, und wurde „Biobäuerin“. Doch auch sie musste viele Regeln und Gesetze einhalten, nach denen sie ihre Äcker und Wiesen bewirtschaften oder ihre Tiere halten durfte. Ihre Arbeit war nicht immer einfach, aber sie tat sie mit dem guten Gefühl, das Richtige für ihre Ländereien und den Tieren zu tun. Für ihr Bio-Getreide bekam sie etwas mehr Geld als ihr Bruder und auch für die Bio-Milch erzielte ihre Molkerei einen etwas höheren Preis. Neben dem Geld, das auch ihr Bruder vom Staat bekam, erhielt sie zusätzlich noch Fördergelder, weil sie „biologisch“ wirtschaftete. Besonders die Tiere machten ihr zwar viel mehr Arbeit, aber sie hatte Freude an ihrem Beruf und viel Idealismus. Dafür wurde sie von ihren Bio-Beratern immer wieder gelobt.

Die ältere Tochter aber ging in die Stadt und studierte an einer Universität Fächer, die nichts mehr mit Landwirtschaft zu tun hatten. Nach vielen kargen Jahren als Praktikantin und mehreren Volontariaten schaffte sie es schließlich, in einem Zeitungsverlag eine gut bezahlte Anstellung zu bekommen. Dort traf sie auf Kollegen, die zwar auch nicht Landwirtschaft gelernt hatten, aber dennoch vieles darüber schrieben. Das wunderte sie sehr. Doch auch sie musste sich immer wieder in Themen einarbeiten, von denen sie kein bisschen Ahnung hatte.

Mit der Zeit änderten sich die Ansprüche ihrer Chefs an die Beiträge, die sie erstellen sollte. Mehr „Reichweite“ war gefragt. Mit „investigativen Journalismus“ sollten sie und ihre Kollegen Missstände aufdecken und die Gesellschaft aufrütteln. Das Wort „Medienkrise“ tauchte auf. Immer mehr gemeinnützige Organisationen boten den gestressten Journalisten an zur Hand zu gehen. Sie lieferten bequem Bilder und Infografiken, skandalträchtige Filme und ehrenhafte Visionen. Schließlich forderte eine Partei die „Agrarwende“ und gleichgesinnte Journalisten wollten diese allen Menschen näher bringen. In der Landwirtschaft konnte jedermann Skandale aufdecken oder auch simulieren, wenn er z.B. nachts Filme in einigen ausgewählten Ställen drehte. Das machten manche junge Leute, die für ehrenwerte Organisationen arbeiteten. Was in den Filmen zu sehen war, glaubten die Menschen, spielte sich in allen Ställen ab – und alle Tierhalter standen ab sofort am Pranger. Doch auch in manchen Ställen von Biobauern wurde nachts gefilmt und dies empörte noch mehr Menschen, da viele glaubten, Bio-Landwirtschaft wäre die perfekte Landwirtschaft.

Als nun der Sohn des Bauern selbst älter wurde und er mit seinen Kindern über die Hofnachfolge für seinen konventionellen Betrieb sprach, fand sich aber niemand, der seinen Betrieb weiter führen wollte. Der Enkel des Bauern war in der Schule als „Massentierhalter“ gemobbt worden, so dass er die Schule wechseln musste und niemandem mehr erzählen durfte, dass er von einem Bauernhof stammte. „Ich habe es satt, für die schwere Arbeit im Stall und Feld auch noch von allen verachtet zu werden“, sagte er. „Sollen die Leute doch ihr Essen selbst erzeugen.“

Die Enkelin wollte ein geregeltes Auskommen und Urlaub ohne ständigen Stress mit der Nachbarschaft wegen Umbauten am Hof. Deshalb käme sie als Bäuerin nicht infrage. Beide Kinder hatten gesehen, dass ihr Vater trotz ständigen Ausbaus seines Betriebes nicht viel von seinem Wohlstand hatte, weil ein Wachstumsschritt dem anderen folgte. Der Job als Bauer war ihnen wegen der vielen Kredite zu riskant geworden. Besonders störten sie aber die ständigen negativen Berichte in den Medien, die sie regelmäßig lesen und im Fernsehen sehen konnten.

Als bei ihrer Tante der Biobäuerin auch die Frage nach der Hofnachfolge anstand, wollten aber auch deren Kinder nichts mehr mit Landwirtschaft zu tun haben. Diese standen am Wochenende oft im Hofladen und verkauften ihre Produkte an gut betuchte Leute. Von deren Wohlstand war der Biohof leider weit entfernt. Die meisten Bioprodukte wurden inzwischen in den Supermärkten verkauft und wer an diese liefern wollte, musste große Mengen anbieten und niedrige Preise akzeptieren. Der Supermarkt bestimmte, was der Verbraucher kaufen konnte. Viele Bioprodukte kamen inzwischen aus dem Ausland und waren viel billiger als die heimischen. Das hatte die eine Partei mit ihrem ersten Versuch einer Agrarwende verursacht: Ein EU-Biosiegel, das den Marktzugang großer Betriebe aus dem Ausland zu deutschen Supermärkten möglich machte. Auch die „Energiewende“ dieser Partei machte das Hinzupachten von Ackerland sehr teuer. Als schließlich Tierrechtler ihre „Biowahrheit“ im Internet verkündeten und alle Bio-Bauern der Zwangsschwängerung, des Kindesraubes und des Freiheitsentzugs bei Tieren beschuldigten, hatten sie genug. Selbst manche Medien stellten diese Tierrechtler noch als Helden dar. Daher sahen auch die Kinder der Biobäuerin keine Zukunft mehr in der Weiterführung ihres Familienbetriebes. Soweit trug deren Idealismus nicht mehr.

  • Wie gehen diese Geschichten nun weiter?
  • Was passiert mit den aufgegebenen Höfen?